Urteilskraft bringt Wissen zur Entscheidungsreife,
oder, genauer, sie verkörpert
den zur Entscheidungsreife gebrachten Prozeß
eines Sinns für Angemessenheit.
Gerhard Gamm

Über die Urteilskraft

Der Philosoph Gerhard Gamm beschreibt die Urteilskraft als Eigenschaft jenseits von robustem Wissen und technischer Information. Ich zitiere hier einige Absätze aus dem Aufsatz „Der kluge Kopf; Unwissenheit, Ignoranz, Urteilskraft – Tabus der Wissensgesellschaft“ aus der Zeitschrift Lettre International, 2010, Band 89, S. 123ff.

Die Stärke der Urteilskraft liegt in der richtigen Einschätzung der jeweiligen Situation. Sie arbeitet situativ, ihr besonderes Vermögen besteht darin, den Witz einer Sache zu erfassen. Sie kann, indem sie das Allgemeine mit dem Besonderen ins rechte Benehmen setzt, das, was passiert, auf seine Relevanz hin beurteilen.

Dazu braucht sie einerseits Erfahrung, andererseits Überblick oder, besser, ein Denken nach Art eines schwebenden Wechsels, das zwischen den unterschiedlichen Wissenspartikeln und -feldern sowie den normativen Orientierungen hin- und hergehend vermittelt [...]. Darin liegt ihre einzigartige Produktivität, die durch kein Wissen erlangt oder ersetzt werden kann.

Die Urteilskraft steht in fast jeder Hinsicht quer zu der Ordnung des Wissens, die in Wissenschaft und Technik vorherrschend ist. [... Ihr] obliegt die Vermittlung von Theorie und Praxis und damit die sämtlicher Probleme, die diese ungleichen Geschwister miteinander haben.